Reithelm

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Über einen Helm spricht man nicht – man trägt ihn

ew Mich beschäftigt mehr die Frage, warum so viele Reiter keinen Helm tragen, als die Tatsache, dass ich immer einen Helm trage.

Mit dem Helm kann man sich sehr einfach, sehr unkompliziert, sehr günstig und sehr effektiv schützen. All die Argumente von einem unbequemen, zu schweren und zu luftdichten Helm gelten heute nicht mehr, denn moderne Helme sind bequem, leicht und luftdurchlässig.

Was haben wir für eine eigenartige Vorstellung von Sicherheit und Verantwortung, wenn wir uns selber mit den einfachsten Mitteln nicht schützen wollen und von andern aber erwarten, dass sie uns an den unzugänglichsten Orten, zu den unmöglichsten Zeiten und bei den garstigsten Wetterbedingungen mit den teuersten Rettungsgeräten abholen, behandeln, pflegen, rehabilitieren und wieder eingliedern, falls der Unfall dann doch einmal geschieht.

Vor einem Jahr bin ich buchstäblich vom galoppierenden Pferd geflogen. Kleine Ursache, grosse Wirkung, nach einem Salto vorwärts, fand ich mich am Boden auf dem Rücken und dessen Verlängerung wieder. Bilanz des Sturzes: Mit dem behelmten Kopf aufgeknallt, Sternchen gesehen, Sicherheitsweste so ziemlich in ihre Einzelteile zerlegt, Knie dick, Bein blau, Seele zittrig, reiterisches Selbstbewusstsein zerstört, Pferdchen gelassen weidend neben mir, der mitreitende Sohn etwas blass. „Kannst du wieder aufsteigen?“ so seine verdatterte Frage. Ich konnte, denn reiten ging nämlich besser als gehen. Erstaunlich, was die Knochen aushalten, auch wenn sie schon ein bisschen älter sind. Plötzlich schallte der erlösende Lachanfall meines Sohnes durch die angespannte Stille: „Du hättest sehen sollen, wie geil dein Abgang aussah!“ Und dann etwas später und ziemlich nachdenklich: „Was hätte ich machen müssen, wenn du liegen geblieben wärst?“ Die Fortsetzung des Rittes, im gemächlichen Schritttempo übrigens, wurde zur Repetitionsstunde in Nothilfe.

Eine gute Ausbildung für Pferd und Reiter und ein Pferd, das dem eigenen Können entspricht, sind Grundbedingungen für sicheres Reiten, doch auch der erfahrenste Reiter kann stürzen und das sicherste Pferd erschrecken oder stolpern.

Das Wort Unfall gaukelt uns vor, dass ein „Unfall“ unvermeidbar ist und einfach geschieht. Unfälle werden aber verursacht. Häufig eine Verkettung von Kleinigkeiten, die in ihrer Gesamtheit dann zum Unfallgeschehen führen.

Sportarten werden gefährlich, wenn sich bei hoher Geschwindigkeit Stürze oder Kollisionen ereignen können. Ein Sturz von einem galoppierenden Pferd kann in der Wucht des Aufpralls einem Sturz aus 8 Metern entsprechen. Das physikalische Gesetz der Energievernichtung kann vom Körper häufig nicht verletzungsfrei aufgefangen werden und in der Sprache der Notfallstationen gilt ein Sturz vom Pferd als ein Hochgeschwindigkeitstrauma. Viele Verletzungen heilen wieder und kosten „nur“ Zeit und Geld, aber Hirnverletzungen verändern ein Leben entscheidend und grundlegend.

75 % aller Schädel-Hirn-Verletzungen liessen sich durch das Tragen eines Reithelms vermeiden. Was so einfach zu tun wäre, finden viele Reiter nicht nötig. Kinder werden zwar fast überall mit Reithelmen ausgestattet, die „Alten“ aber tragen die Helme nicht mehr. Welche Lektion geben wir unseren Kindern damit? „Heute musst du noch einen Helm tragen, aber wenn du gross bist und richtig reiten kannst, dann musst du nicht mehr.“

Die so genannte Skalpierungsverletzung – wenn sich die Reiterin oder der Reiter mit den Haaren im Geäst verfängt – lässt sich mit einem Helm zu 100 % vermeiden.

25 % Restrisiko für eine Schädelhirnverletzung mit Helm ist mir immer noch abenteuerlich genug und ich habe genügend hirnverletzte Menschen in meinem Berufsleben gesehen, dass ich nie, aber auch wirklich nie oben ohne reite und mich über die vielen Bilder von helmlosen Reitern in den Pferdezeitschriften ziemlich ärgere. Helm tragen ist Verantwortungssache.

Übrigens, ich musste im Frühling noch ein paar Wochen lang lange Hosen tragen, damit die Folgen meines schnellen und ungeplanten Abgangs vom Pferdchen, nämlich die herbstliche Färbung an Bein und Knie, im trauten Familienkreise blieb und – mein Sohn hat einen Nothelferkurs besucht.

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