Geschichten aus dem Reiterleben

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Das Glück dieser Erde – liegt auf dem Rücken der Pferde

ew Dass der Mittwoch nicht der Donnerstag ist, stelle ich heute genau um 08 20 vor dem verschlossenen Schulzimmer fest, in welchem ich laut meiner Agenda die Schulbank drücken müsste. Leiser Zweifel beschlich mich schon während der Anreise mit der S Bahn, als ich weder den Sekundarschullehrer noch die Krimischreiberin traf, die eigentlich mit mir im selben Kurs sitzen. Handy sei Dank, ich bekomme die Bestätigung meiner Vermutung, richtiger Ort, richtige Person – falscher Tag.
Ein geschenkter Tag also – von der Familie habe ich mich mit sorgfältiger Feinplanung abgemeldet: der Hund ist fremd platziert, die Jugend ebenfalls, der Gemahl im Labor mit den Bakterien beschäftigt, die Einkaufsliste geschrieben und dem Sohn in die Hand gedrückt, die Wäsche gewaschen und den Töchtern zur Weiterverarbeitung anvertraut. Im Kaffee Schober ziehe ich die Kalorien herein die ich gestern gespart habe und warte auf die Türöffnung zum Einkaufsparadies der Stadt Zürich. In der Stadt fördere ich die Wirtschaft und lasse in knapp zwei Stunden das Geld und ein klitzekleines Bisschen mehr liegen, welches ich gestern in acht Stunden verdient habe.
Damit der Tag noch zu Höchstform aufläuft, schwinge ich mich am Nachmittag auf mein Pferdchen, geniesse den geschenkten Tag, die Wärme, das Grün, den Heuschnupfen, die ersten Mücken und habe mit allen Erbarmen, die immer so gut organisiert sind, dass sie nie am falschen Tag am richtigen Ort stehen und insbesondere mit allen, die heute am richtigen Tag zur richtigen Zeit am richtigen Ort standen…
Pünktlich um 6 Uhr schleiche ich mich nach Hause, eigentlich will ich die Erschöpfte mimen, doppelt und mehrfach belastet durch Beruf, Weiterbildung, Haushalt und Tiere pflegen und um Mitleid heischend mir zur Fortsetzung des gelungen Tages noch das Abendessen und den Kaffe servieren lassen. Bloss – wie erkläre ich den Meinen, dass ich mit dem Pferdeduft in den Haaren und den Reithosen am Leib aus der Weiterbildung komme?

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Zwei reisen an dir WM – die eine davon ist blond

ew Seit gestern zweifeln wir ein bisschen an unsere bis anhin für ganz gut gehaltenen geistigen Fähigkeiten und das kam so:
Das Wetter ist prächtig, die Arbeit kann bis um 17 Uhr warten, wir fahren also an die WM, mit dem ÖV, obwohl wir beide je ein Auto und je ein Pferdchen besitzen. Aber erstes bleibt aus Gründen der zu schützenden Umwelt in der Garage und zweites aus Zeit technischen Überlegungen auf der Weide.
Vorweg zu nehmen ist, beide WM-Reisenden sind des Lesens und des Schreibens kundig, dieses wurde von der Eidgenossenschaft bestätigt und beide sind durchaus fähig im Alltag zu bestehen.
Wir reisen also an die WM. Bis Wil schaffen wir es problemlos, die S 9 haben wir knapp nicht verpasst, in Lichtenseig müssen wir umsteigen. Wir haben uns dies und das zu erzählen und – wir stellen fest, dass wir in Lichtensteig sind beziehungsweise gerade waren, als die Bahnhofstafel mit dem hilfreichen Hinweis auf Lichtenseig langsam an uns, immer noch im Eisenbahnwagen sitzend, vorüberzieht. Kein Problem, in Wattwil steigen wir aus und nehmen den nächsten Zug zurück und beschliessen für die zusätzlichen Bahnkilometer, die wir weder machen wollten noch bezahlt haben, nichts zusätzliches zu bezahlen und besteigen wohlgemut wieder den Zug zurück nach Lichtensteig und – steigen dort aus. Dass der sich jetzt von uns entfernende Zug, indem wir gerade noch gesessen sind, derjenige gewesen wäre, in den wir, wären wir am richtigen Ort ausgestiegen, hätten einsteigen müssen, stellen wir genau in dem Moment fest, als er sich in Bewegung setzt. Drei Minuten später wird er in Brunnadern ankommen, wir aber stehen am Bahnhof von Lichtensteig. Fussmarsch über den Berg 1 Stunde 40 Minuten, der nächste Zug in einer Stunde, kein Taxi, Tölt 1 beginnt in 20 Minuten. Unser Zeitplan ist straff durchorganisiert mit Hunden, Pferde, Familie und Arbeit. Also beschliessen wir zu tun, was ich meinen Jugendlichen verbiete, wir werden Autostopp machen. Aber wo genau ist die Strasse und wenn wir diese finden würden, welche Richtung müssten wir wählen? Wir haben beide milde ausgedrückt keinen besonders ausgeprägten Orientierungssinn und kommen vom Reiten eigentlich nur immer wieder sicher nach Hause, weil unsere Pferde den heimatlichen Hafer riechen können.
Also doch ein Taxi. Über den Berg reisen wir mit Pferdestärken an die WM, das passt ja eigentlich aber die Ökobillanz kommt ins Wanken, doch dafür haben wir das örtliche Gewerbe unterstützt.
Und – die Geschichte der zwei die ausgingen um mit dem ÖV an die WM zu fahren bekommt eine Fortsetzung, die eine der beiden ist ja bekanntlich blond.
Auf der Rückreise schaffen wir die Strecke vom WM Gelände bis zum Bahnhof Brunnadern dank Shutttelbus problemlos, die Reise von Brunnadern bis Lichtensteig ebenfalls und dort warten wir auf die S Bahn nach Wil. Es fährt zur richtigen Zeit der falsche Zug ein und trotz gemachter Erfahrungen am Morgen hat unser Selbstvertrauen kaum gelitten, wir steigen ohne den leisesten Zweifel an unserem Tun ein – und – sie glauben es kaum, aber es ist so – 3 Minuten später sind wir wieder in Brunnadern. Eine Rundfahrt diese Mal also…
In einer Stunde hätten wir die nächste Chance am richtigen Ort den richtigen Zug in die richtige Richtung zu besteigen. Nun drängt die Zeit aber wirklich, bei der einen warten die Hunde bei der andern die kranken Kinder im Spital. Autostopp also, das hatten wir ja schon einmal vor. Gesagt getan und jetzt werden wir das verflixte Lichtensteig umfahren und die direkt Route mit Ziel Wil einschlagen. Die Richtung ist klar, da angeschrieben und es klappt auf Anhieb für die ersten 4 von 20 Kilometern und dann, wandern wir und wandern wir der schmalen, kurvenreichen Strasse entlang in durchaus zauberhafter Landschaft unterhalb Mogelsberg Richtung Wil stets den Stoppdaumen in der Luft halten. Bergkäse könnten wir kaufen, Ziegenkäse auch, aber ein Souvenir brauchen wir jetzt nicht mehr wirklich. Verkehr hat es reichlich, leider vor allem in die Gegenrichtung zum WM Gelände. Die wenigen Autos, die in die gewünschte Richtung fahren, die meisten beklebt mit Islandpferdezeichen, lassen uns weiter wandern. Kein Postauto, kein gar nichts, auf Schusters Rappen oder das Mitleid der Auto fahrenden Bevölkerung sind wir angewiesen. Wir versuchen sämtliche bekannten Autostopptricks aus: Nur die Junge steht am Strassenrand, nur die Blonde versucht es und bevor wir zum Äussersten schreiten, nämlich dass sich eine von uns beiden auf den Boden legt und ans Mitleid unsrer Nächsten appelliert, hält ein Auto mit einem Pferdemenschen am Steuer, keinem Islandpferdemenschen, einem Haflingerpferdemenschen. Den relevanten Teil für diesen Abschnitt unserer Reise erzählen wir ihm, den andern verschweigen wir rücksichtsvoll und obwohl er nicht dorthin müsste, bringt der Haflingerpferdezüchter uns an den Bahnhof nach Bazenheid. Und nun schaffen wir den Rest des Weges doch noch mit dem ÖV. Richtige Richtung eingeschlagen, richtiger Zug genommen und erst noch an der richtigen Haltestelle ausgestiegen. Wir sind stolz auf uns und vielleicht fahren wir nochmals an die WM, den Weg kennen wir jetzt.

 

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Jede Woche eine neue Welt

ew Kennen sie Tchibo? Bis vor kurzem war für mich Tchibo erstens ein Kaffeegeschäft und zweitens mein persönliches kleines Feindbild. Das mit dem Feindbild ist eine eigene Geschichte, soviel sei aber gesagt, dafür, dass Tchibo in der Altstadt von Winterthur mein Lieblingsdelikatessgeschäft verdrängt hat, habe ich den Kaffeeriesen mit Verachtung bestraft.
Diesen Sommer wurde ich dann aber zum Überläufer. Und das kam so. Meine Freundin erschien zum morgendlichen Nordic-Walken mit auffallend schicken Dreiviertel-Hosen. Topp modisch, super bequem, die schlanke Linie betonend, auf zwei Längen per Reisverschluss einstellbar, Schmutz abweisend, hightech, höchster Tragkomfort, extra Sicherheitssack für den Hausschlüssel, aerodynamisch geschnitten und das alles für Franken 29.95 aus dem … Tchibo. Tchibo dem Kaffeegeschäft, das ich bis anhin mit Verachtung strafte? Hosen aus dem Kaffeegeschäft? Aufklärung tat Not. Offenbar war ich die Einzige in der Nordic-Runde, der es bisher entgangen war, welche Wunderwelt sich hinter der Kaffeemafia versteckt. Da die besagte Kaffeehose in der Folge zur Uniform in unserer Nordic-Walkinggruppe wurde, stand dem Kauf der Universalhose auch mir – ausser wankenden moralischen Grundsätzen – nichts mehr im Weg. Mit den Tipps meiner Kolleginnen ausgestattet, alle schon tchiboerfahren, wagte ich mich, meinen eigenen Prinzipien zum Trotz, in die Welt des Tchibo. Wie und wo ich mich zu den Superhosen an all den anderen Schnäppchen vorbei vorarbeiten musste, wusste ich dank genauer Wegbeschreibung. Dass es mit der Anprobe von Hosen im Tchibo, mangels Umziehkabine, so seine Tücken habe, der Umtausch dafür durchaus kein Problem sei, wusste ich auch schon. Hosenkauf zum Kaffeegeruch. Die einzige Schwierigkeit war die Wahl der Grösse. Die sonst doch etwas weitere Palette an Kleidergrössen ist nämlich bei Tchibo auf genau drei Einheitsgrössen reduziert.
Tchibohose Nummer eins hielt also Einzug in meinen Kleiderschrank und wurde auf Anhieb zur Lieblingshose und Sommeruniform. Tchibohose Nummer zwei folgte im Herbst. Die Wohlfühlhose. Wieder dreiviertel Hose, dieses Mal mit angerautem Innenfutter für die kühlen Herbsttage, wieder Anwärter auf ein Lieblingsstück. Die Sprüche von wegen Prinzipien von Seiten meiner Familie, die mit mir immer viel kritischer ins Gericht geht, als mit sich selbst, habe ich kommentarlos ertragen. Das „Tchibo-Drei-Grössen-Prinzip“ stoppte dann meinen Rausch beim Kaufversuch von Hose Nummer drei. Reithosen wären es gewesen, Marke Wohlfühl. Sie wissen schon, die mit dem weichen Innenfutter. Jetzt ging die „Drei-Grössen- Rechnung“ für mich leider nicht mehr auf. Die Hosenbeinlänge war definitiv zu kurz bemessen. Dank dieser herben Enttäuschung schärfte sich mein Blick wieder was das Tchibosortiment betraf. Ernüchtert stellte ich fest, dass die Regenhosen wohl billig, aber nicht atmungsaktiv, die Schalendicke des Reithelms zwar vertrauenserweckend, die Helmbefestigung aber nicht über alle Zweifel erhaben war. Mein altes kritisches Verhältnis zur Verkaufsstrategie des Kaffeetuttifruttis stellte sich wieder ein und holte mich auf den Boden des kritischen Konsumenten zurück. Die Ankunft der Winterkollektion bei Tchibo im Allgemeinen und der Thermo-Lifelighthosen im Besonderen – atmungsaktiv, windab-weisend, wetterbestimmend – machte mich beinahe wieder schwach. Trotz dem sensationellen Preis von 29 Franken 95 walke ich aber weiter in meinen alten Trainerhosen, Marke ausgebeult. Und dann wagte ich schon wieder einen Seitenblick in die Schaufenster des Verführers. Und jetzt kommt’s: Beheizbare Einlegesolen, Wärme bis zu sieben Stunden mit Akku und das für 99 Franken 95. Reiten im Winter mit beheizten Schuhen, Suppenritt im Januar und noch alle zehn Zehen in Bettwärmetemperatur spüren, reiten ohne Kuhnagel, alles für keine 100.- Franken… Sie werden es mir verzeihen, ich musste meine Prinzipien dieses eine Mal noch über Bord werfen und mir die beheizbaren Einlegesohlen zur Vorweihnachtszeit schenken. Der lieben Elisabeth von sich selbst. Eine Superinvestition für Leib und Seele, Ausritt für Ausritt kann ich mich nun nach der Fusstemperatur meiner Mitreiter erkundigen. Tchibo ist hier der Testsieger. Reiten im Winter mit kuschelig warmen Füssen – Tchibo macht’s möglich!
Übrigens, beeilen Sie sich mit dem Kauf der beheizbaren Einlegesohlen. Der Winter wird kalt, das Angebot von Tchibo ist beschränkt. Jede Woche eine neue Welt! Und falls sie manchmal auch an die Hände frieren – die Taschen-Heizkissen für 1 Stunde Wärme zu Franken 9.95, immer wieder neu aktivierbar, je in einem modischen Säckchen verpackt, gibt’s auch in der Winterkollektion und – die Skiunterwäsche für Damen ist an einem für Reiter sehr wichtigen Ort gut gepolstert…

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Warum braucht der Reiter einen Flachmann?

ew Kolbjörg als Handpferd eigentlich immer sehr anständig und gesittet, überlegt sich vor der Holzbrücke ob sie diese betreten soll oder nicht – und entscheidet sich für nicht betreten und tritt dafür unerwartet in lockerem Trab den Heimweg Richtung Strasse an. Entgegen der üblichen Meinung ist ihr die Herde egal oder sie orientiert sich an ihrer alter Herde in Island und galopiert Richtung Flughafen Kloten mit dem Fernziel Island. Einkreisen, verfolgen und stehen bleiben ist angesagt. Spätestens seit dem letzten Zweitagesritt wissen wir wie man Pferde einfängt. Lúði der Heimkehrer bietet sich als Einkreispferd an, zeigte mit ein paar munteren Bockssprüngen vor dem schnellen Galopp deutlich, dass er das genau so sieht. Ymir ist samt Reiterin hinter Kolbjörg her, welche genau eine Pferdelänge Abstand hält und auf die Strasse zuhält, die berüchtigt für schnelles Fahren in den Kurven ist …
15 Minuten später sind wir alle wieder vereint, 6 Pferde, 5 Reiter. Ein mutiger Fussgänger hat die Ausreisserin problemlos nach Anleitung der Verfolgerin eingefangen.
Vielleicht packen wir zur Notfallausrüstung in Zukunft auch noch einen Flachmann ein – für die nervliche Beruhigung nach nicht gesuchten und doch gefundenen reiterlichen Abenteuern!

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